Was ist EMDR? Die Antwort auf diese Frage kann man theoretisch trocken erledigen oder man erzählt aus der Praxis – wie es funktioniert und was es macht.

Ich habe mich entschieden das eine mit dem anderen zu kombinieren und mir dabei zwei Praxisfälle rauszusuchen, die keine EMDR- typischen Fälle sind. Selbstverständlich sind die Namen und konkreten Details so falsch, dass niemand Rückschlüsse auf einzelne Personen ziehen kann. Auch haben mir die betreffenden Klientinnen ihr Einverständnis gegeben, dass ich hier über sie berichte. … Bis auf eine Klientin, aber das wird auch schwierig, wie sich später von selbst erklärt. Ich bin mir dennoch sicher, dass es für sie OK ist was ich hier erzähle.

Bevor ich aber in die Praxis einsteige, kommen wir zur Theorie. Ja, das ist immer ein bisschen dröge, aber ich versuche es so kurz- und kurzweilig wie möglich zu halten.

Was ist EMDR? Wie funktioniert EMDR? – Die Theorie

EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing.

Rein begrifflich ins Deutsche übersetzt ist EMDR also eine Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen. Ganz platt gesagt, imitiert man mit bilateraler Stimulation (=es werden abwechselnd beide Hirnhälften angeregt) die REM Phase des Schlafes. Das Gehirn erhält so die Möglichkeit Ereignisse zu verarbeiten, die bislang nicht verarbeitet werden konnten. Diese bilaterale Stimulation erfolgt bei EMDR zumeist durch

  • gelenkte Augenbewegungen von einer Seite zur anderen.
  • abwechselndes Klopfen auf die Oberschenkel.
  • die sogenannte „Schmetterlingsumarmung“, bei der die Arme überkreuzt um den Oberkörper geschlungen werden, als würde man sich selbst umarmen.
  • Kopfhörer, die Töne abwechselnd auf dem rechten/ linken Ohr abspielen.

Auch spazierengehen oder laufen ist übrigens eine Form der bilateralen Stimulation, denn es wird abwechselnd eine Körperhälfte nach der anderen angeregt.

Seit wann gibt es EMDR und wofür wird es eingesetzt?

Entwickelt wurde diese Form der Psychotherapie von Dr. Francine Shapiro Ende der 80er Jahre, die während ihrer Spaziergänge die Wirkung feststellte, welche die wechselnden Lichtreflektionen auf sie hatten. Mittlerweile ist die Wirksamkeit von EMDR wissenschaftlich nachgewiesen.

Großflächige Erfahrungswerte wurden in den USA bei der Behandlung der Rettungskräfte nachgewiesen, welche im Rahmen des Twin-Tower Attentates am 9.11.2001 im Einsatz waren. Die Ergebnisse zeigten eine schnell wirksame, deutliche Entlastung der Betroffenen. Aus den Ergebnissen wurde der Einsatz von EMDR, vor allem in der Traumatherapie abgeleitet. Mittlerweile hat sich ein breites Spektrum für den Einsatz von EMDR ergeben.

In meiner Praxis nutze ich EMDR ergänzend und begleitend zur Hypnose überall dort, wo Emotion an einem konkreten Ereignis festhängt und sich nicht lösen kann. Zum Beispiel bei

Genug der Theorie, kommen wir zur Praxis.

EMDR in meiner Praxis

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1. Unglückliche Gummibärchenliebe

S. ist eine Probandin, mit der ich mal testen wollte, ob und wie EMDR auch online funktioniert. Ein wirkliches Thema fand sich zunächst nicht, aber dann erzählte sie mir von ihrer unglücklichen Beziehung zu Gummibärchen, die sie eigentlich beenden möchte und ich nahm mich mal des Themas an, auch wenn ich zunächst nichts finden konnte, woran ich die Emotion „übermäßige Gummibärchenliebe“ nun festmachen konnte.

Eigentlich ist bei S. alles gut, aber wenn sie Abends nach Hause kommt, dann isst sie Gummibärchen. Viele Gummibärchen. Ohne das zu wollen, aber sie tut es trotzdem und ist in dem Bezug irgendwie wehrlos. Im weiteren Verlauf kamen wir drauf, dass sie bedingt durch Corona gerade sehr zurückgezogen lebt und sich alleine fühlt.

Ich triggerte ihre Emotionen noch ein bisschen, indem ich eine kurze Trance einleitete und sie in die Vorstellung brachte, es gäbe keine Süßigkeiten mehr. „Stell Dir mal vor, Zucker ist das neue Toilettenpapier. Alles ausverkauft und deshalb gibt es keine Süßigkeiten mehr. Keine Gummibärchen, keine Schokolade, keine Kekse, kein Kuchen – nix süßes mehr. Nirgendwo“ Diese Vorstellung löste ein deutliches Gefühl von „alleine und verlassen sein aus – das Thema hinter dem Thema, mit dem ich arbeiten konnte.

In mehreren EMDR – Durchgängen, gingen wir immer wieder über die Vorstellung es gäbe keine Gummibärchen und auch sonst nichts Süßes mehr, in das Gefühl „Ich bin alleine und verlassen„. Ich ließ S. das Gefühl wahrnehmen, während sie selbst die bilaterale Stimulation über die Schmetterlingsumarmung und klopfen auf die Oberarme ausführte. Während der Durchgänge kamen Gefühle auf, wie „ich bin geliebt“, es zeigten sich Bilder von möglichen Gummibärchenalternativen und am Ende war es S. nicht mehr möglich sich „alleine und verlassen“ zu fühlen. Das Gefühl war nicht mehr herstellbar. An die Stelle des negativen Gefühls trat immer deutlicher das positive, gewünschte Gefühl: Ich fühle mich wohl, ich werde geliebt.. Dieses wurde, in weiteren EMDR Durchgängen verfestigt, so dass es sich für sie stimmig anfühlte.

Das Ende vom Lied: S. hat kein Gummibärchen und auch sonst nichts Süßes mehr essen wollen, seit dieser Sitzung. 

2. Präsentationsangst

L. muss im Beruf Präsentationen halten und es steht ihr in einigen Wochen, eine äußerst wichtige große Präsentation bevor. Schon bei dem Gedanken an diesen Moment, bekommt sie Bauchschmerzen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Sie hatte Angst zu versagen, fühlt sich unsicher, klein, alleine, dumm.

Wir sammeln zwei konkrete Situationen, in denen sie diese Angst und Gefühle in der Vergangenheit schon erlebte. So hatten wir dann eine Situation aus Schulzeiten, eine aus dem Berufsleben und die künftige Präsentation, welche mit dem immer gleichen Gefühl in verknüpft waren: die Angst zu versagen und allen Emotionen und Bauchschmerzen, die da noch dranhängen.

Angefangen mit der ersten Situation, arbeiteten wir in mehreren Durchgängen alle Erlebnisse durch, bis das Gefühl der Angst nicht mehr aufrufbar war. Zum Abschluss ging es -mittlerweile in Trance- dann in die künftige Präsentation. Als auch dort die Angst nicht mehr spürbar war, durfte mit allen Sinnen erlebt werden, wie es sich anfühlt diese Aufgabe ganz sicher zu meistern… und wie es sich anfühlt, diese große Präsentation souverän geliefert zu haben. Wie stolz man ist. Wie groß man sich fühlt. Wie gut es einem geht. Wie sicher man sich fühlt. All diese und noch viel mehr positive Gefühle und Gedanken, wurden mit EMDR und suggestiv gefestigt. Am Ende machte eine breit grinsende Klientin die Augen auf, die bisher gar nicht mehr an die bevorstehende Präsentation denkt, aber alles tut, damit sie gut wird.

3. Der Feind in meinem Wald – EMDR funktioniert auch bei meiner Hündin!

Der Fall, den ich nicht anonymisiere: Meine Hündin Lanya und ihre Reaktion auf diesen einen Hund, den wir noch nie gesehen haben.

Lanya ist eine Hündin, die sehr stabil in ihrem Wesen ist. Sie ruht in sich, sie kann auf ganz subtile oder auch sehr deutliche Art und Weise ihre Ziele durchsetzen. Was Lanya will, erreicht Lanya. Was Lanya nicht will erreicht sie auch. Eigentlich ist Lanya alles, aber keine Angsthündin.

Und dann ist da dieser Hund. Wir haben ihn noch nie gesehen, aber wir hören ihn bellen. Nun kann ich nicht so gut hündisch, dass ich verstehen könnte was der sagt, aber Lanya zeigt mir: Das ist definitiv nichts Nettes. Wenn dieser Hund bellt, dann geht Lanya keinen Schritt weiter! Unser Spaziergang ist dann beendet, wir drehen um und gehen nach Hause. Denn: Meine bisherigen Versuche mit Lanya weiter zu gehen, wenn dieser Hund bellt, verliefen im Sande.

  • Energisch führen und ihr zeigen, dass ich die Lage im Griff habe: Lanya rammt alle Pfoten in den Boden und steht. Ich müsste sie über den Boden schleifen und das tue ich uns beiden nicht an.
  • Tragen: Ne, echt nicht. Die wiegt knapp 30kg.
  • Stehen und warten, dass sie die Lage verarbeitet: Nope. Ich stand schon ewig auf der Stelle um am Ende doch wieder umzudrehen.
  • Neben ihr hocken, sie durch halten quasi pucken und so beim Verarbeiten helfen: Ähnlicher Effekt wie beim Stehen und warten.
  • Von hinten energetisch nach vorne treiben: Nein.

Dann kam dieses EMDR Seminar… Zwei Tage später hatten wir wieder die Szene mit dem bellenden Feind im Wald. Ich hockte mich einfach mal neben Lanya und tappte ihr abwechselnd rechts und links auf die Schultern. Ungefähr 45 Sekunden lang – bis Lanya durchschnaufte und weiterging, als wäre nichts gewesen.  Zunächst hielt ich es für einen Zufall, aber ich konnte den Effekt noch mehrfach wiederholen und gerade dieses Wochenende ging Lanya einfach weiter, als wär nichts, als ich den Hund wieder bellen hörte. Nun kann ich meine Beobachtung nicht mit Studien belegen, aber ich behaupte hier und jetzt: Bilaterale Stimulation hilft auch Hunden Situation & Emotionen voneinander zu trennen. 🙂

Disclaimer

Dieser Blogartikel ist als grober Überblick darüber zu verstehen, was EMDR ist und wie es, außerhalb der Traumatherapie angewandt werden kann. Sowohl die Theorie, als auch die Praxisbeispiele sind von daher stark verkürzt und vereinfacht dargestellt. Selbstverständlich müsste bei S. bedacht werden, dass man ihr nicht einfach die Lust auf Gummibärchen wegklopfen kann ohne das Gefühl des „verlassen und alleine seins“ näher zu beleuchten und ganz klar ist auch, dass die tiefsitzende Angst zu versagen bei L. nicht in einer Sitzung vollständig erledigt sein kann. Also liebe Kinder: Bitte so nicht nachmachen, sondern als das verstehen was es ist: Eine unvollständige, wissenschaftlich nicht haltbare Erzählung.

EMDR ist, genau wie Hypnose kein Zauberwerkzeug, dass unliebsame Verhaltensweisen, Emotionen und Erlebnisse mal eben auslöschen kann. Für mich ist es ein Mittel, welches meine Möglichkeiten ergänzt.

Wenn Du irgendwo in Deinem Leben eine Blockade hast, die Du nicht überwinden kannst und meinst herausgelesen zu haben, dass EMDR Dir eventuell helfen könnte, dann melde Dich sehr gerne bei mir. Wir können dann ganz unverbindlich Deine Möglichkeiten besprechen. Alle Kontaktdaten findest Du hier.